Massive Einschnitte in das konstruktive Fachwerkgefüge

17.10.2012 15:57 von Bernd Kibies

Massive Einschnitte in das konstruktive Fachwerkgefüge

Der Wunsch nach baulicher Veränderung, in diesem Fall z.B. nach großen Fensteröffnungen, bestand auch schon in vergangenen Jahrhunderten. Oftmals orientierte man sich im ländlichen Raum auf das Gesehene in den Städten. Man wollte nicht mehr bäuerlich und somit rückständig sein. Diese Verstädterung begann verstärkt im Historismus, die Häuser wurden verändert und der jeweiligen Baukultur angepasst. Diese Entwicklung war natürlich in prosperierenden Wirtschaftsregionen stärker, im Bergischen Land z.B. durch die Metallverarbeitung bedingt.
Hier ist ein anschauliches Beispiel zu sehen. Die Fachwerkkonstruktion, im Geschoßbau errichtet, wurde gnadenlos durchtrennt. Die von der Schwelle bis zur Traufe durchgehenden Ständer wurden im Erdgeschoß im Bereich der Fenster zum großen Teil entfernt, ein unverhältnismäßiger großer Brüstungs- und Sturzriegel wurde eingefügt. Dieser Einschnitt ist üblicherweise statisch bedenklich, da das gesamte Gefüge geschwächt wird, Lasten werden nur noch mangelhaft abgetragen. Auch die Streben erfüllen hier nicht mehr ihre aussteifende Funktion.
Durch das Aufbringen einer vollflächigen Holzschalung und einer zusätzlichen Fassadenschalung mit Metallplatten in Schieferoptik (ab Ende 19. Jh. im Bergischen Land sehr verbreitet), wurde dieser Eingriff durch die damit erzielte Scheibenwirkung kompensiert.
Besonders mutig war in diesem Fall auch der ausführende Handwerker, denn er hat keine Abstützungen eingesetzt. Die ganze Dachlast wirkt auf die stark beschädigte und unvollständige Fachwerkkonstruktion.

Einen Hinweis auf solch massive Einschnitte in das Fachwerkgefüge bekommt man u.a. durch unverhältnismäßig große und breite Fensteröffnungen, die nicht in das übliche Raster der Fachwerk-Ständer passen.

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